Das Leben mit einem Auge
Gut, ich gebe es zu, ich bin ein Einauge. Wann und wie das passiert ist, weiß ich nicht mehr. Die Menschen sagen mir manchmal, dass ich vorher ein armer Hofkater war, der NICHT mit den Menschen am Tisch sitzen und nicht mit ihnen im Bett schlafen durfte. Unvorstellbar!!!! Eigentlich glaube ich das auch nicht. Vermutlich gehöre ich einfach einer ganz besonders wertvollen Katzenrasse an, die aufgrund ihrer hohen Intelligenz bewusst einäugig ist.
Denn ich weiß katzenschnurrbarthaargenau, dass sich das Leben mit nur einem Auge sehr zufriedenstellend gestaltet. Katerman muss das einfach nur zu nutzen wissen.
So ist es z.B. sehr viel leichter, wenn man nur ein Auge kontrollieren muss - man kann alle Emotionen darauf konzentrieren und muss sie nicht auf zwei Augen verteilen. Der Mensch an sich hat es ja auch leichter - er muss sich nur das EINE Auge anschauen und nicht gleich zwei, da kommt er ja schnell ins Schielen. Wenn meine Menschen mich anschauen, wissen sie SOFORT: Aha, Mickey hat Hunger!!!
(das ist nur ein Beispiel, ich habe manchmal auch etwas anderes, mir fällt jetzt nur nichts ein.)
Außerdem haben immer alle Mitleid mit mir - das ist ein unschätzbarer Vorteil!!!
Man muss allerdings seeeeehr vorsichtig sein - die Menschen an sich sind zwar nicht die Klügsten, aber manchmal sind sie doch nicht nur dumm.
Gestern habe ich z.B. einen Fehler gemacht: Eigentlich gehe ich nicht nach vorne in den Garten mit dem Zaun, der einen piekst. Aber die Menschen wollen immer, dass ich das mache - sie machen dann alle Türen auf und gurren und flöten wie die Piepmätze auf den Bäumen: “Mickey, komm doch, trau dich doch” - “Mickeylein, komm her, es passiert dir doch nichts” usw. usw. Ich komm dann immer ein bisschen näher und dann kehr ich wieder um und sie singen und betteln noch mehr und das mache ich dann gaaaanz lange. Vor allem, wenn sie dann auch noch Leckerlies verteilen, dann komme ich zur Türe, schnapp sie mir und hau wieder ab.
Das ist lustig!
Gestern waren alle beim Essen, aber die Türen zur Garten waren offen. Da dachte ich mir, ich schau mir mal heimlich den Garten an, vielleicht gibt es da ja was zum Fressen, denn die anderen müssen ja einen Grund haben, weshalb sie da immer hinrennen. Blöderweise haben die Menschen gemerkt, dass ich fehle, und nach mir geschaut und mich im Garten erwischt!!! Ich hab dann natürlich gleich panisch geschaut und bin nach drinnen geflohen - aber jetzt glauben sie mir das nicht mehr. Und wenn ich jetzt will, dass sie wieder singen und säuseln, dann sagen sie nur, dass sie mich durchschaut haben und “Du kannst uns mal”. Was ich da kann, weiß ich nicht.
So einen Fehler mache ich kein zweites Mal mehr, das sage ich Euch!!!
Aber alles in allem - das einäugige Leben ist empfehlenswert!!!


